Charlotte Roche ist eine bahnbrechende Autorin. In dem Interview das Du erwähnt hast, sagt sie auch, dass sie beim Schreiben eines Buchs den Anspruch hat, etwas vollkommen Neues zu produzieren. Und das tut sie auch, was eine Sensation ist.
Ich kann auch nicht verstehen, dass so viele Journalisten das erste Buch “Feuchtgebiete” wesentlich als lustig und pubertär wahrgenommen haben. Nicht, dass ich nicht auch total viel gelacht hätte dabei, aber es war auch einfach ein neuer Blickwinkel, es waren viele kleine Tabubrüche, die sich zu einem großen summieren. Und jetzt ist es wieder so, nur dass es schwerer zu verdauen ist, weil es einen direkter herausfordert. Vielleicht nur deshalb, aber vielleicht auch aus bestimmten Kritikpunkten, die ich gerade noch nicht richtig formulieren kann (oder will), fand ich das neue Buch nicht NUR gut, bzw hatte ich manchmal ein schales Gefühl beim und nach dem Lesen. Es steht aber außer Frage, dass das Buch genial und wichtig ist, und irgendwie ist ja auch gerade das schale Gefühl ein Indikator zumindest für Relevanz.
Abgesehen von den Themen (Sex, Tod, Mann, Frau, feste Beziehung, Choreographie des Alltags, Elternschaft, magisches Denken, Eifersucht, Trauma, Schuld, Angst, Therapie, Religion, Ersatz, Anspruch und Konsequenz, Offenheit und Kontrolle – ok, die Liste gerät außer Kontrolle..) – abgesehen von den Themen jedenfalls und ihrer schönen Kombination finde ich es toll an dem Buch, dass Roche und ihre Protagonistin sich ihren Problemen frontal gegenüberstellen, indem sie sie beim Namen nennen statt sie nur poetisch zu umkreisen – und dass es trotzdem Literatur ist. Es ist faszinierend, lesend Zeuge eines so ehrlichen Denkens zu werden, ohne all die Anbiederungen, die sonst auch bei scheinbarer Direktheit überall wuchern. Genau wie hier gerade. Ist nämlich eine hohe Kunst, was Roche macht. Ehrlichkeit ist ja auch eine Utopie, und Roche lässt mich an das ehrliche Denken glauben, obwohl sie selber sagt, dass sie ihre Authentizität spielt, und ich glaube ihr und glaube ihr gleichzeitig nicht. Ok, jetzt driftets hier in Quatsch mit Sauce ab.
Ich stelle behelfsweise einfach nochmal das Interview aus der ZEIT hin, falls irgendjemand unseren Blog liest. Die Fragen finde ich zwar doof, die Antworten lassen sich davon aber nicht verwirren.
http://www.zeit.de/2011/33/Roche-Hensel
